In Xanadu ist es für jeden Autor möglich, eine beliebige Zeichenfolge eines beliebigen vorhandenen Textes über einen Hyperlink anzusprechen, was bedeutet, daß zumindest die Möglichkeit vorhanden sein muß, jedem Zeichen jeden Textes, das jemals geschrieben wurde, eine eindeutige Adresse zuzuweisen. Allein dieser Aspekt verdeutlicht schon die Dimensionen dieses Unterfangens. Außerdem sollen bei Aktualisierungen von Texten alle älteren Versionen beibehalten werden, da sie ja Hyperlinks anderer Autoren enthalten könnten.
Sehr interessante Lösungen bietet Nelson auch für andere Probleme von akutem Interesse für ein solches Hypertext-System aber auch für das aktuelle WWW: Das Problem des Urheberrechts und der den Autoren zustehenden Tantiemen sollte durch ein neues, auf die Menge der Information und die Anzahl der Lesezugriffe basierendes Urheberrecht ersetzt werden; das leidige Problem vieler Autoren, daß sie ohne Berücksichtigung des Kontextes ihrer Arbeiten oder falsch zitiert werden, würde durch die Hypertext-Technik gelöst werden. Durch die bidirektionalen Links und die Annotationsfähigkeiten von Xanadu sollte jeder Autor die Möglichkeit haben, Verweise auf eigene Texte zu kommentieren und im Extremfall klarzustellen, daß man mit der Art, in der man zitiert wurde, nicht einverstanden ist. Zusätzlich haben Leser die Möglichkeit, den gesamten Text des zitierten Autors zu lesen und sich selbst ein Urteil zu bilden.
Das erste System, das die Eigenschaften von Hypertext aufweist, ist das Memex-System (von memory extender) von Vannevar Bush – dem wissenschaftlichen Berater Präsidents Roosevelts – beschrieben in seinem Manuskript[14] "As we may think" aus dem Jahre 1945. Dabei handelt es sich um ein System, das auf Verfügbarkeit von typisierten Informationsinhalten auf Mikrofilmen beruht und auf Verknüpfungen zwischen Informationen aller Art. Das Memex-System wurde nicht realisiert, aber seine Beschreibung trifft auch nach über fünfzig Jahren den Kernpunkt jedes Hypertext-Systems:
"It affords an immediate step, however, to associative indexing, the basic idea of which is a provision whereby any item can be caused at will to select immediately and automatically another. This is the essential feature of the memex. The process of tying two items together is the important thing." [Bush, 1945, S. 35]Das Interesse Bushs galt der Bewältigung der immer größer werdenden Menge von Informationen im wissenschaftlichen Bereich, die er bereits 1945 für unüberschaubar hielt; ein Problem das bis heute noch nicht zufriedenstellend gelöst wurde und das WWW prägt.
Eine andere Entwicklung, die Bush vorwegnahm, sind die von ihm als trail blazers genannten Personen, die ein völlig neues Berufsbild hervorbringen würden: Wie eine Art Informations-Pfadfinder würden die trail blazer Pfade zu Dokumenten zusammentragen und diese ähnlich wie in einer Wissensdatenbank thematisch oder nach anderen Kriterien sortieren und ablegen. Wissenschaftliche Buchautoren könnten dann ihr Literaturverzeichnis mit solchen Pfaden ergänzen, so daß der interessierte Leser durch die Verknüpfungen sofort Zugriff auf die zusätzliche Literatur hat. Aus Urheberrechts-Gründen ist diese Idee im WWW nur eingeschränkt realisierbar, aber in Ansätzen durchaus vorhanden.
Das Hyperties-System, entwickelt an der University of Maryland von Ben Shneiderman, ist das erste System, in dem die Hyperlinks in der uns heute bekannten Form eingeführt wurden, so wie sie auch Tim Berners-Lee 1989 [Berners-Lee, 1989] als hot spots in dem Vorschlag[15] für das World Wide Web beschrieben hat.
Auch andere Aspekte von Hyperties gelten als wegweisend für die spätere Entwicklung des WWW als Hypertext-System: So haben Charles Kreitzberg und Whitney Quesenbery von der University of Maryland zusammen mit Programmierern der Cognetics Corporation image maps und Animationen implementiert und eine Beschreibungssprache für die logische Struktur von Dokumenten genannt Hyperties Markup Language (abgekürzt HTML[16]) eingeführt. Diese ähnelt der von WWW-Browsern unterstützten HTML-Sprache, da sie beide Untermengen von SGML[17] sind. Eine andere Eigenschaft von Hyperties wurde bisher noch nicht in die WWW-Browser übernommen: Nach der Auswahl eines Hyperlinks in einem Dokument springt Hyperties nicht sofort zum neuen Dokument, sondern blendet eine kurze "Definition" des Zieldokuments ein. Der Benutzer erfährt also in Kurzform etwas über das verknüpfte Dokument, ohne das aktuelle Dokument verlassen zu müssen; in vielen Fällen reicht diese Definition aus, um den Kontext zu klären, ansonsten kann der Sprung zum verknüpften Dokument vollzogen werden [vgl. Nielsen 1995, S. 45ff].
Das erste weit verbreitete Hypertext-System ist vermutlich HyperCard von Bill Atkinson, das mit jedem Apple Macintosh von 1987 bis 1992 in der Vollversion mitgeliefert wurde. Auch nach 1992, als die Firma Apple begann, das Programm kommerziell zu vertreiben, wurde jedem Macintosh ein HyperCard-Reader beigelegt, um sicherzustellen, daß Entwickler auch weiterhin einen wachsenden Markt für ihre HyperCard-Anwendungen haben, die Stacks[18] genannt werden. Ein anderer Grund für die große Popularität von HyperCard ist die dazugehörende Programmiersprache HyperTalk, die das System universell verwendbar macht. HyperTalk ist wegen des übersichtlichen Befehlvorrats und der natürlichsprachlichen Orientierung sehr einfach zu erlernen und eignet sich besonders gut für kleine Anwendungen und zum Prototyping, aber nicht für große, wartungsintensive Projekte.
Bei der Arbeit mit den Stacks werden die Benutzer auf vielfältige
Art unterstützt. Neben frei definierbaren Schaltflächen und Übersichten
für die Navigation innerhalb des Karteistapels sind vor allem die
Historie-Mechanismen vorbildlich implementiert: Vom Zurück-Button
über das Menü mit den zuletzt angesehenen Karten bis zur thumbnail-view,
in der verkleinerte Bilder der besuchten Karten einen sehr schnellen und
intuitiven Zugriff auf bereits besuchte Karten erlauben.
In conclusion, we can say that hypertext was conceived in 1945, born in the 1960s, slowly nurtured in the 1970s, and finally entered the real world in the 1980s with an especially rapid growth after 1985, culminating in a fully established field during 1989. [Nielsen 1995, S. 66]Obwohl die Grundidee des Hypertext – die verknüpften Informationen – bereits seit 1945 bekannt ist, hat erst die Verbreitung des Computers seit den siebziger Jahren zu den heute verbreiteten Hypertext-Systemen geführt. Eine andere Bezeichnung für Systeme, in denen Informationen über Hyperlinks miteinander verknüpft sind, wurde von Jakob Nielsen eingeführt: Der Begriff Hypermedia soll die aktuelle Entwicklung genauer beschreiben, daß zunehmend multimediale Inhalte wie Texte, Bilder, Töne oder Videos miteinander verknüpft werden können.
Waren zunächst Menüs rein textuelle Erinnerungshilfen für die systemgeführte abgekürzte Kommandoeingabe [...] oder zur Maskensteuerung, so haben sie sich in der Zwischenzeit zu einer universellen Interaktionstechnik mit vielfältigen graphischen Ausprägungen entwickelt [...]. [Oberquelle, 1994, S. 124]Unterschiedliche Firmen-Philosophien und ihre Umsetzung in Guidelines haben dazu geführt, daß Menüs ein unterschiedliches, für das Betriebssystem spezifisches Erscheinungsbild bekommen. Die Systeme unterscheiden sich weniger in den Möglichkeiten, Menüs darzustellen, als in der Art, wo sie die Menüs darstellen. So sind z.B. auf allen grafischen Plattformen Menüs als reine Textlisten, als Auswahl von Grafiksymbolen (sog. Paletten) oder als eine Kombination von Text und Grafik anzutreffen.
Spezifisch für die jeweiligen Plattformen sind z.B. die Menüzeile von Apples MacOS, die immer sichtbar bleibt und an die Menüstruktur der jeweils aktiven Anwendung angepaßt wird, so daß das eigentliche Anwendungsfenster ohne Menüzeile auskommt, oder im Gegensatz dazu die unterschiedlichen Microsoft Windows-Versionen, in denen jedes Anwendungsfenster seine eigene Menüzeile oder zumindest das Systemmenü enthält. In den Tracker[20]-Fenstern des BeOS findet man das Hierarchiemenü an der unteren Seite des Fensters, während in Suns Open Look aufgeklappte Menülisten auf der Arbeitsoberfläche dauerhaft an einer beliebigen Stelle sichtbar gemacht werden können (sog. pin-down-Menüs).
Weit verbreitet sind wiederum hierarchische kaskadierte Menüs, die bei Auswahl eines Menüeintrags eine weitere Auswahl darstellen, und Kontextmenüs, die meistens durch einen (manchmal nur emulierten) Klick mit der rechten Maustaste an der aktuellen Position des Mauszeigers dargestellt werden.
Im Jahr 1983 wurde der Übergang vom "klassischen" Menü zum Hyperlink durch Larry Koved und Ben Shneiderman im Rahmen des Forschungsprojektes TIES (The Interactive Encyclopedia System) vollzogen [Koved & Shneiderman, 1986]. In diesem Projekt wurden zum erstenmal die Befehle statt in Menüauswahlen direkt in den Text eingebettet und durch unterschiedliche Textgestaltungsmöglichkeiten (Unterstreichen, farbliches Absetzen u.a.) als solche kenntlich gemacht. Das TIES-Projekt war der Vorgänger von Hyperties, ein Hypertext-Authoringsystem, das an der University of Maryland entwickelt und von der Cognetics Corporation of Princetown als eines der ersten Hypertext-Systeme kommerziell weiterentwickelt wurde. Weitere, die Entwicklung von Hypertext prägende Eigenschaften von Hyperties wurden im vorigen Unterkapitel beschrieben.
Die Vorteile von Hyperlinks gegenüber den gängigen Menüs sind vor allem bei dokumentorientierten Anwendungen sichtbar und beziehen sich nur auf bestimmte Arten der Informationsdarstellungen. Sie sind schneller erreichbar als andere Menüformen, da sie direkt im Dokument eingebettet werden und die Aufmerksamkeit des Benutzers nicht vom Inhalt abgelenkt wird, aber vor allem haben sie einen besseren Bezug zum Kontext des Dokuments. Hyperlinks bringen Dynamik in lineare Texte und ermöglichen den Benutzern die einfache und schnelle Navigation durch Dokumente, z.B. durch Anklicken von Einträgen in einem Inhaltsverzeichnis oder Index, aber auch durch Auswahl von Stichwörtern im eigentlichen Text. Hyperlinks sind auch in Form von image maps anzutreffen. Das sind Grafiken in Dokumenten, die beim Anklicken einen oder auch mehrere Befehle auslösen können - wenn die Grafik in mehrere sensitive Bereiche unterteilt ist.
Ein Dokument eignet sich dann zur Darstellung in einem Hypertext-System, wenn Shneidermans "Goldene Regeln des Hypertext" [Shneiderman, 1989] erfüllt werden:
Das Internet ist der Träger für verschiedene Dienste und diese sind es eigentlich, die den Nutzen des Internet ausmachen:
Der Begriff Hypertext wurde von Jakob Nielsen zu Hypermedia erweitert, um die multimedialen Eigenschaften des neuen Mediums hervorzuheben: Nicht nur Texte, sondern beliebige Datentypen wie Animationen, Ton und Video können miteinander verknüpft werden. Die Navigation erfolgt über eingebettete Hyperlinks.
Das WWW erweitert das Hypertext/Hypermedia-Konzept um die Möglichkeiten
der verteilten Client/Server-Systeme. Es spielt prinzipiell keine Rolle
mehr, wo sich eine Information befindet. Ebenfalls ist die Tendenz erkennbar,
unterschiedliche Informations-Dienste wie WWW, Mail oder News zusammenzufassen,
so daß der Anwender unter einer einheitlichen Anwendungsoberfläche
Zugang zu den benötigten Diensten hat. Diese integrierende Aufgabe
wird von den Browsern übernommen.
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