Quellen: (Görner, Ilg 93), (Oppermann, Reiterer, 94).

Notwendigkeit der Evaluation

Heute werden die Trends so zusammengefaßt: Multimedia, Hypertext-Systeme, Spracheingabe, vollständiger Zugang zu Telekommunikation mit Menschen und Computern mittels tragbarer Geräte werden Standard sein. Jedes Anwendungssystem, das für die Endbenutzer entwickelt wird, muß hohen Anforderungen bezüglich seiner "Benutzerfreundlichkeit" gerecht werden. Im Bereich der Gestaltung gewinnen User Interface Managemant Systems (UIMS) immer mehr an Bedeutung. Es handelt sich dabei um leistungsfähige Entwicklungswerkzeuge für Benutzerschnittstellen. Deren Einsatz allein garantiert aber noch lange keine "benutzerfreundlichen" Schnittstellen. Dazu bedarf es umfassenden software-ergonomischen Wissens, das den Entwicklern in Form von Normen, Gestaltungsrichtlinien und Style Guides (beispielsweise OSF/Motif Style Guide (OSF/MOTIF 90), Open Look Style Guide (SUN 89b), Common User Access Style Guide (IBM 89a, 89b, 91a, 91b), Apple Human Interface Guidelines (Apple 87), zu Verfügung gestellt wird.
Die Umsetzung des Gestaltungsziels "Benutzerfreunlich" wird zwar durch ein breites Angebot an Richtlinienkatalogen sowie nationalen und internationalen Standards unterstützt, die Praxis zeigt jedoch, daß die Entwicklung einer hochwertigen Benutzungsoberfläche einen so komplexen Prozeß darstellt, daß Evaluationsmaßnahmen in verschiedenen Entwicklungsstadien unverzichtbar sind.
Je nach Entwicklungsstand eines Software-Produkts werden bei der Evaluation unterschiedliche Schwerpunkte gelegt. Abb. 1 betont die Kopplung von Design- und Evaluationsschritten als Bestandteile eines integrierten Prozesses, die sich in jedem Entwicklungsstadium gegenseitig beeinflussen.

Abb. 1 Kopplung von Design- und Evaluationsschritten als Bestandteil eines integrierten Prozesses.

Molich & Nielsen (1990) demonstrierten besonders eindrücklich, wie schwierig software-ergonomisches Design bereits für ein kleines Anwendungsprogramm sein kann. Sie entwarfen eine fiktive Anwendung, bei der ein Benutzer eine Telefonnummer eingeben und sich Name und Adresse der zugehörigen Person anzeigen lassen kann. Die Benutzungsoberfläche besteht nur aus einer Bildschirmseite und wenigen Interaktionsmöglichkeiten. Dennoch sind aus software-ergonomischer Sicht bereits 31 Schwachstellen enthalten. Die Autoren initiierten in einer Computerzeitschrift einen Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer soviele Schwachstellen wie möglich identifizieren und Lösungsvorschläge einschicken sollten. Trotz der hohen Motivation der Teilnehmer (dem Gewinner winkte eine Geldsumme von 700 $), wurden von den 77 Einsendern durchschnittlich nur 37 % und selbst vom Gewinner nur 18 der 31 Problembereiche richtig identifiziert.

Das Beispiel unterstreicht nicht nur die Komplexität software-ergonomischen Designs, sondern demonstriert auch die Notwendigkeit systematischer und methodisch fundierter Evaluationsmaßnahmen.